Gedanken in Zeiten von Corona (4)

Unter den Gedenktagen für die Toten im Monat November gibt es einen, der in unserer Liturgie kaum eine Rolle spielt. Er ist aber für viele Menschen von großer Bedeutung. Ich meine den Volkstrauertag, der in diesem Jahr am 15. November begangen wird. An diesem Tag wird der Millionen von Toten gedacht, die in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts umgekommen sind, wird an die zahllosen Opfer von Gewalt und Terror erinnert, die bis zum heutigen Tag ermordet werden.

In meiner Kindheit und Jugend gab es viele Familien, in denen ein Bild des Vaters oder eines Verwandten zu sehen war, die im 2. Weltkrieg gefallen oder bei den Bombardierungen unserer Städte zu Tode gekommen waren. Erst jetzt im Alter erahne ich die Qualen der Gefallenen oder Vermissten, den Schmerz der oft jungen Ehefrauen oder der Eltern und Geschwister beim Eintreffen der Todesnachricht oder Vermisstenerklärung, die Leiden in den Bunkern oder in den verschütteten Luftschutzkellern, die Verzweiflung der aus ihrer Heimat Vertriebenen. 75 Jahre war es in diesem Jahr her, dass der 2. Weltkrieg endete. Noch immer tragen wir an den Folgen und erzählen bei Gelegenheit unseren Kindern und Enkeln, was uns selbst von unseren Eltern und Großeltern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählt wurde.

Wenn ich mir eine Liturgie für den Volkstrauertag vorstelle, kommen Fragen auf, die sich mir auch angesichts der Coronakrise stellen. Wie sollen wir Gott in unseren Gebeten ansprechen? „Gott, du Urheber alles Guten“, heißt es im Tagesgebet am 15. November. „Barmherziger Gott“, sagt das Schlussgebet vom selben Sonntag. Können wir so noch beten? Müssten wir nicht nach anderen Worten suchen, etwa: Verborgener Gott, oder: Gott, der du schweigst? Eine andere Frage: Ließe sich eine Stille in einem Gottesdienst am Volkstrauertag für diejenigen aushalten, die das Grauen der Vergangenheit noch erinnern? Sind das Aussprechen des Namens eines Verstorbenen und das Entzünden einer Kerze –  wie es in der Vorabendmesse zum Allerheiligentag in unserer Gemeinde getan wurde – nicht ein angemessener Ausdruck für das, was das Herz bewegt? Eine letzte Frage: Was sagen wir Jesus an einem solchen Gedenktag wie dem Volkstrauertag nach dem Kommunionempfang, oder anders gefragt: Was lassen wir uns von ihm sagen?

Claus-Dieter Klais, Diakon